"Germania" - Berlin im Nationalsozialismus
Die Stadtführung startet an der Schweizer Botschaft, dem letzten Relikt des Alsenviertels. Das großbürgerliche Wohnquartier im Spreebogen stand der geplanten Nord-Süd-Achse im Weg und wurde 1938 zum Abriss freigegeben. Ein ähnliches Schicksal traf die Siegessäule, die zusammen mit einem Bismarck-Denkmal den Königsplatz am Reichstag beherrschte. Beide Symbole Preußendeutschlands wurden wenige Kilometer entfernt auf dem Großen Stern wiedererrichtet - als ein "Forum des Zweiten Reiches", mit dem die Nationalsozialisten dem vergangenen Kaiserreich ihre Referenz erwiesen. Seither ist die Siegessäule ein markantes Wahrzeichen auf Berlins Ost-West-Achse, wie dies ein Blick auf die Straße des 17. Juni verdeutlicht. Die NS-Regierung ließ einen 9 km langen Abschnitt zwischen Stadtschloss und dem heutigen Theodor-Heuss-Platz zu einer "Via Triumphalis" ausbauen. Davon betroffen war auch Berlins alter Prachtboulevard, die Straße Unter den Linden. Anlässlich der Olympiade 1936 war er aufgeweitet und die alten Lindenbäume abgeholzt worden, woraufhin ihn die Berliner spöttisch "Unter den Laternen" betitelten. Offiziell eingeweiht wurde die neu gestaltete Achse zu Hitlers 50. Geburtstag 1939 mit einer der größten Militärparaden in der Geschichte der Reichshauptstadt.
Nun führt die Route am Sowjetischen Ehrenmal vorbei, das 1945 an jener Stelle entstand, wo Speer die Kreuzung der beiden großen Achsen angedacht hatte. Etwas weiter nördlich – zu Füßen der 320 m hohen Kuppelhalle – hatte er einen „Führerpalast" mit Reichskanzlei geplant. Die riesige, erst 1939 fertiggestellte „Neue Reichskanzlei“ in der Voßstraße war Hitler bereits zu klein. Weiter geht die Spurensuche zur Akademie der Künste am Pariser Platz, wo Generalbauinspektor Speer ab 1937 das große Modell der Nord-Süd-Achse für Hitler aufbauen ließ. Wie eng die architektonischen Planungen mit dem totalitären Herrschaftssystem verbunden waren, lässt die Machtfülle der Generalbauinspektion erkennen. Sie war eine der Stadt Berlin übergeordnete Planungsinstanz, die nach Gutdünken ohne Kontrolle von außen ihre Vorstellungen durchsetzen konnte. Besonders drastisch zeigte sich dies als 1938-39 erste Stadtbereiche abgebrochen wurden, um Baufreiheit für die GBI zu schaffen. Speer entwickelte die Idee, jüdische Wohnungen räumen zu lassen, um Ersatzwohnraum für die betroffenen „Volksgenossen“ anbieten zu können. So trieb er maßgeblich die Entrechtung der Berliner Juden voran und arbeitete eng mit der Gestapo zusammen.
Der letzte Abschnitt des Rundgangs führt in die Wilhelmstraße und verlässt das Kerngebiet der „Germania-Planungen“. Hier wird auf den nach Kriegsende geschliffenen Gebäudekomplex der „Neuen Reichskanzlei“ Bezug genommen. Zudem vermitteln noch bestehende Bauten einen anschaulichen Eindruck von der Staatsarchitektur im Dritten Reich. Dazu gehören das im Auftrag von Goebbels durch Karl Reichle zum Propagandaministerium ausgebaute Gebäude am Wilhelmplatz sowie der von Ernst Sagebiel entworfene Großbau, in dem Görings Reichsluftfahrtministerium ansässig war. In diesen Bauten residieren heute das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bzw. das Bundesfinanzministerium. Die Bundesregierung leistete mit dieser Entscheidung einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Bausubstanz und stieß zugleich eine Diskussion über den Umgang mit der NS-Architektur an.
Dieser Stadtrundgang zu Geschichte und Architektur dauert ca. 2 ½ Stunden.




