Stadtfuehrungen in Berlin und Potsdam
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Bäume – Stauden, Bürgertum Die Villenkolonie Westend im Kaiserreich

Ursprünglich für die „mittleren Stände“ geplant, sollten kleine Landhäuser entstehen. Als eines der ersten war 1868 die klassizistische Lindenallee 7 fertig gestellt. Obwohl der Gründer Alt-Westends, Albert Werckmeister, schon 1868 in Zahlungsschwierigkeiten geriet, traf er eine grundlegende Entscheidung: Die angepflanzten Baumarten zeigen die Straßennamen an. Die Nachfolger, allen voran Heinrich Quistorp, suchten, „gehobene“ Schichten als Interessenten zu gewinnen: „Pensionierte Militärs, die oft vergeblich nach einem ruhigen Asyl sich sehnen, Gelehrte, Beamte, Künstler und Künstlerinnen, die auf ihren Lorbeeren ruhen“, wurden besonders angesprochen. Und sie kamen. Nach dem Ausbau der nahen Ringbahn 1877 steigerte sich die Nachfrage nach Grundstücken stark.

Man kannte sich in Westend. Rasch entstanden Netzwerke: Der Chemiker Julius Friedrich Holtz ließ in der Akazienallee eine Villa errichten. Seine Gattin Sophie war die Schwester des Architekten Otto March. Außerdem war Holtz mit dem in der zweiten Westend-Gesellschaft persönlich haftenden Heinrich Quistorp als Aufsichtsratsmitglied der von diesem umgegründeten Chemischen Fabrik a. A. (vormals E. Schering) verbunden. Später stieg er sogar in den Vorstand auf.

Um 1900 verlegte das Malerehepaar Lepsius seinen Familienwohnsitz nach Westend. Hier am Stadtrand ließ es sich billiger leben, als in der Stadt. Neue Freundschaften entstanden durch interessante Nachbarn, wie den Staudengärtner Foerster, der den Lepsius-Kindern die Natur nahebrachte. Bald schmückten auch die von Foerster „salonfähig“ gemachten Ritterspornstauden den kunstvoll verwilderten Lepsiusschen Garten. Außerdem entfaltete sich im Hause Lepsius ein reges Leben: Der Altphilologe Wilamowitz-Moellendorff, der Literaturhistoriker Gustav Roethe, Lily du Bois-Reymond aus der Familie Hensel, der Philosoph Wilhelm Dilthey, der Philosoph und Soziologe Georg Simmel mit seiner Frau Gertrud sowie der Romanist Ernst Robert Curtius waren ebenso zu Gast wie die Sozialdemokratin Lily Braun, die Dichterin Lou Andreas-Salomé und die Kunsthistorikerin Gertrud Kantorowicz. Den Mittelpunkt der Geselligkeit aber bildete für einige Zeit der Kreis um den Dichter Stefan George.

Im Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau wurden nach 1900 neue Bereiche erschlossen. Ein Beispiel stellt die imposante neobarocke Villa des Baulöwen Alfred Schrobsdorff dar. Diese entstand nach den Plänen Bernhard Schaedes, der kurz zuvor das Charlottenburger Tor entworfen hatte. Der Bauunternehmer machte gute Geschäfte auch durch die Erschließung Westends und später Neu-Westends.

Dieser auf ca. 2 Stunden ausgelegte Stadtrundgang möchte Ihnen das gesellige Leben in Westend zeigen, vor allem aber die Entwicklung der Villenkolonie zwischen 1866 und um 1910 vor Augen führen. Dabei kann beobachtet werden, wie sich die Villen zunächst zur Straße, später dann zum Garten hin öffneten, also zur Natur. Im Zeichen verstärkter Verstädterung kam der Natur eine immer größere Wertschätzung zu.